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Verarbeitungsregeln

Diese Seite beschreibt die zentralen Verarbeitungsregeln für buchungsrelevante und bestandsverändernde Vorgänge in Prosoft. Für eine Übersicht der Module und ihrer Aufgaben siehe Modulübersicht, für die zugrunde liegenden Konfigurationsdaten siehe Datenstrukturen.


Grundprinzipien

  • Geschäftsvorfälle werden über Belege erfasst und verarbeitet (Angebote, Aufträge, Lieferscheine, Rechnungen etc.).
  • Buchungsrelevante Vorgänge erzeugen automatisch die zugehörigen Finanzbuchungen.
  • Stornierte Belege werden als storniert gekennzeichnet und archiviert — eine physische Löschung findet nicht statt.
  • Alle Verarbeitungsschritte werden im Änderungsprotokoll mit Benutzer und Zeitstempel festgehalten (siehe Protokollierung).
  • Belegnummern werden aus konfigurierbaren Nummernkreisen automatisch und lückenlos vergeben.

Belegfluss

Order-to-Cash (Vertrieb)

Der Verkaufsprozess durchläuft folgende Belegstufen:

flowchart LR
    ANG["Angebot"] -->|Beauftragung| AUF["Auftrag"]
    AUF -->|Lieferung| LS["Lieferschein"]
    LS -->|Faktura| RE["Rechnung"]
    RE ==>|Buchungsstapel| FIN["Finanzen"]
Belegstufe Auslöser Auswirkung
Angebot Manuelle Erfassung Keine — unverbindliches Angebot
Auftrag Beauftragung durch den Kunden Reservierung, Dispositionsrelevanz
Lieferschein Erstellung aus Auftrag Grundlage für Warenausgang und Faktura
Rechnung Erstellung aus Lieferschein(en) Buchungsrelevant — erzeugt Debitorenposten

Bei der Rechnungserstellung werden ein oder mehrere Lieferscheine zu einer Rechnung zusammengefasst (Sammelrechnung). Die Rechnungspositionen übernehmen dabei Mengen, Preise und Steuerinformationen aus den Lieferscheinpositionen.

Procure-to-Pay (Einkauf)

flowchart LR
    ANF["Anfrage"] -->|Bestellung| BEST["Bestellung"]
    BEST -->|Wareneingang| WE["Wareneingang"]
    WE -->|Rechnungsprüfung| ER["Eingangsrechnung"]
    ER ==>|Buchungsstapel| FIN["Finanzen"]
Belegstufe Auslöser Auswirkung
Anfrage Manuelle Erfassung oder MRP-Vorschlag Keine — Angebotsanfrage an Lieferanten
Bestellung Freigabe durch Einkauf Verbindliche Bestellung, Dispositionsrelevanz
Wareneingang Physischer Wareneingang Bestandserhöhung im Lager
Eingangsrechnung Eingang der Lieferantenrechnung Buchungsrelevant — erzeugt Kreditorenposten

Eingangsrechnungen durchlaufen einen konfigurierbaren Freigabe-Workflow: Ein oder mehrere Benutzer müssen die Rechnung prüfen und freigeben, bevor sie gebucht werden kann.


Preisfindung

Bei der Erfassung von Angebots-, Auftrags- und Rechnungspositionen ermittelt das System den Preis automatisch. Die Preisfindung folgt einer festen Hierarchie mit absteigender Priorität:

Priorität Preisquelle Beschreibung
1 Verkaufs-/Einkaufskonditionen Partner- und artikelspezifische Sonderpreise mit Mengenstaffeln und Gültigkeitszeitraum. Kundenspezifische Konditionen haben Vorrang vor gruppenspezifischen.
2 Preislisten Preislistenpositionen je Artikel. Partner- oder partnergruppenspezifisch, mit Gültigkeitszeitraum.
3 Artikelstamm Standardpreis aus dem Artikelstamm als Rückfallwert.

Auf jeder Belegposition wird die verwendete Preisquelle protokolliert (z. B. „VK-Kondition ab 2024-01-01", „Preisliste PL001", „Artikelstamm"). Der Preis kann manuell überschrieben werden — in diesem Fall wird „Manuell" als Preisquelle gespeichert.

Positionsberechnung

Die Berechnung einer Belegposition erfolgt nach folgendem Schema:

Nettobetrag = (Menge ÷ Preiseinheit) × Einzelpreis × (1 − Rabatt / 100)
Bruttobetrag = Nettobetrag × (1 + Steuersatz / 100)
Steuerbetrag = Bruttobetrag − Nettobetrag

Alle Beträge werden auf zwei Nachkommastellen gerundet (kaufmännische Rundung). Rundungsdifferenzen auf Belegebene werden gegen die Steuersummen ausgeglichen.


Steuerermittlung

Die Steuer wird pro Belegposition automatisch ermittelt. Drei Faktoren bestimmen den anzuwendenden Steuersatz:

  1. Steuerschlüssel — bestimmt durch den Partner (Kunde oder Lieferant) und das Lieferland. Liegt das Lieferland in einem anderen Steuergebiet als der Partner, wird automatisch der passende Steuerschlüssel für das Zielland ermittelt.
  2. Steuersatz — bestimmt durch den Artikel (z. B. „Normal", „Ermäßigt", „Steuerfrei").
  3. Steuerrate — der gültige Prozentsatz zum Belegdatum. Steuerraten sind datumsbezogen hinterlegt, sodass Steuersatzänderungen zum Stichtag automatisch greifen.

Ermittlungslogik

flowchart LR
    P["Partner"] -->|Steuerschlüssel| SK["Steuerschlüssel"]
    L["Lieferland"] -->|Steuergebiet| SK
    A["Artikel"] -->|Steuersatz| SS["Steuersatz"]
    SK --> KOM["Kombination"]
    SS --> KOM
    KOM -->|Belegdatum| SR["Steuerrate (%)"]

Das System sucht die Steuerrate anhand der Kombination aus Steuerschlüssel und Steuersatz, die zum Belegdatum gültig ist. Existiert keine gültige Kombination, wird ein Fehler ausgegeben.


Kontenfindung

Bei der Verarbeitung von Rechnungen ermittelt das System automatisch die Sachkonten für die Finanzbuchhaltung. Die Kontenfindung unterscheidet zwischen Ausgangs- und Eingangsrechnungen.

Ausgangsrechnungen (Erlöskontierung)

Die Kontenzuordnung basiert auf der Erlöskontengruppe des Artikels in Kombination mit dem Steuerschlüssel und dem Steuersatz:

Artikel → Erlöskontengruppe → Zuordnungsregel (Steuerschlüssel + Steuersatz + Gültigkeit) → Sachkonto

Wird keine Zuordnungsregel gefunden, greift das auf der Kombination aus Steuerschlüssel und Steuersatz direkt hinterlegte Sachkonto als Rückfallwert.

Eingangsrechnungen (Aufwandskontierung)

Analog zur Erlöskontierung, basierend auf der Aufwandskontengruppe des Artikels:

Artikel → Aufwandskontengruppe → Zuordnungsregel → Sachkonto

Kostenzuordnung

Zusätzlich zur Sachkontierung können Belegpositionen einem Profit-Center und einer Kostenstelle zugeordnet werden. Sind auf einer Rechnung mehrere Profit-Center beteiligt, wird die Kontierung je Sachkonto anteilig auf die Profit-Center aufgeteilt.

Gesperrte Kostenstellen werden bei der Kontierung erkannt — eine Buchung auf eine gesperrte Kostenstelle wird mit einem Fehler abgewiesen.


Nummernvergabe

Belegnummern werden automatisch aus konfigurierbaren Nummernkreisen vergeben. Jeder Belegtyp (Rechnung, Auftrag, Lieferschein etc.) ist einem eigenen Nummernkreis zugeordnet.

Vergabelogik

  1. Belegtyp bestimmt die Nummernkreisgruppe
  2. Anhand des Belegdatums wird der gültige Nummernkreis ermittelt (genau ein Nummernkreis muss für das Datum gültig sein)
  3. Der Zähler wird um 1 erhöht
  4. Die Belegnummer wird aus Präfix und formatiertem Zähler zusammengesetzt

Beispiel: Nummernkreis mit Präfix „RE-", 5 Stellen, Zähler bei 122 → nächste Nummer: RE-00123

Validierung

  • Pro Belegtyp und Datum muss genau ein gültiger Nummernkreis existieren
  • Der Zähler darf die konfigurierte Obergrenze nicht überschreiten
  • Eine Lücke in der Nummerierung kann nur durch Stornierung eines Belegs entstehen — der stornierte Beleg bleibt mit seiner Nummer erhalten

Bestandsführung

Alle Lagerbewegungen in Prosoft werden zentral über ein einheitliches Buchungsverfahren verarbeitet. Jede Bestandsveränderung erzeugt einen unveränderlichen Eintrag im Lagerprotokoll.

Lagerbewegungsarten

Bewegungsart Auslöser Richtung Auswirkung
Wareneingang Anlieferung vom Lieferanten Zugang Bestandserhöhung am Ziellagerplatz
Warenausgang Sendungsbuchung / Lieferschein Abgang Bestandsminderung am Quelllagerplatz
Umlagerung Manuelle Umlagerung Abgang + Zugang Lagerplatzwechsel, Gesamtbestand unverändert
Bestandskorrektur Manuelle Korrektur Zugang oder Abgang Bestandsanpassung mit Begründung
Inventurbuchung Inventurdifferenz Zugang oder Abgang Angleichung an physischen Bestand
Materialentnahme Produktionsauftrag Abgang Verbrauchsbuchung für Fertigungsauftrag
Fertigmeldung Produktionsabschluss Zugang Lagerzugang des Fertigteils

Bestandsdimensionen

Bestände werden mehrdimensional geführt. Jede eindeutige Kombination der folgenden Merkmale wird als eigener Bestandssatz verwaltet:

  • Artikel (Pflicht)
  • Charge (optional — für chargengeführte Artikel)
  • Seriennummer (optional — für seriennummernpflichtige Artikel)
  • Packstück (optional — für verpackte Bestände)
  • Verpackungseinheit (optional — sekundäre Mengenführung)

Chargen- und Seriennummernverfolgung

  • Chargen werden beim Wareneingang angelegt oder zugeordnet und über den gesamten Lebenszyklus verfolgt (Eingang → Lagerung → Produktion/Versand).
  • Seriennummern erlauben die Verfolgung einzelner Einheiten. Bei seriennummernpflichtigen Artikeln muss jede Lagerbewegung genau eine Einheit betragen.
  • Nach jeder Lagerbewegung wird der Bestandsstatus der Charge bzw. Seriennummer automatisch aktualisiert.

Sperrbestand

Bestände können auf drei Ebenen gesperrt werden:

Sperrebene Auswirkung
Charge Alle Bestände dieser Charge sind gesperrt
Lagerort Alle Bestände an diesem Lagerort sind gesperrt
Lagerplatz Alle Bestände auf diesem Lagerplatz sind gesperrt

Sperren können richtungsbezogen konfiguriert werden: nur Zugang gesperrt, nur Abgang gesperrt, oder beides. Eine Lagerbewegung, die gegen eine aktive Sperre verstößt, wird mit einem Fehler abgewiesen.

Validierungen bei Lagerbewegungen

  • Negativbestand: Kann pro Artikel und Lagerort unterbunden werden. Ist die Prüfung aktiviert, wird eine Abgangsbuchung abgelehnt, wenn der resultierende Bestand negativ wäre.
  • Doppelbuchungsschutz: Wareneingänge, Umlagerungen und Inventurbuchungen können nur einmal gebucht werden.
  • Sperrbestandsprüfung: Vor jeder Buchung wird geprüft, ob der betroffene Artikel, die Charge, der Lagerort oder der Lagerplatz gesperrt ist.

Buchungsstapel-Übergabe

Die Finanzbuchungen aus Prosoft werden nicht direkt in der Finanzbuchhaltung verarbeitet, sondern als Buchungsstapel an ein externes Buchhaltungssystem übergeben (DATEV oder Diamant).

Ablauf

  1. Kontierung: Bei der Rechnungsverarbeitung werden die Sachkonten, Steuerinformationen und Kostenstellenzuordnungen automatisch ermittelt (siehe Kontenfindung).
  2. Stapelerstellung: Die kontierten Rechnungen werden zu einem Buchungsstapel zusammengefasst — getrennt nach Ausgangsrechnungen und Eingangsrechnungen.
  3. Übergabe: Der Buchungsstapel wird an das Zielsystem exportiert (DATEV-Format oder Diamant-Schnittstelle).

Die Erstellung und Übergabe von Buchungsstapeln erfordert eine manuelle Auslösung durch einen berechtigten Benutzer.


Produktionskostenberechnung

Für die Kalkulation von Produktionskosten stehen folgende Mechanismen zur Verfügung:

  • Stücklisten definieren den Materialbedarf je Fertigteil (Materialkosten).
  • Arbeitspläne definieren die erforderlichen Arbeitsgänge mit Rüst- und Bearbeitungszeiten (Fertigungskosten).
  • Verrechnungssätze je Kostenart bestimmen den Wertansatz für die eingesetzten Ressourcen.
  • Gemeinkostenzuschläge werden über Kalkulationsschemas auf die Einzelkosten aufgeschlagen.
  • Bewertungsvarianten ermöglichen unterschiedliche Kostenansätze (z. B. Standard- vs. Ist-Kosten).

Die Ist-Kosten eines Produktionsauftrags ergeben sich aus den tatsächlich rückgemeldeten Materialverbräuchen und Arbeitszeiten, bewertet mit den hinterlegten Verrechnungssätzen.